Wo bleibt das Organische der Worten?
Mittwoch, September 19
Samstag, Mai 5
Genauso.
Man denkt: es sollten BÜCHER geschrieben werden. BÜCHER, die mehr als Wortkompilationen sind. BÜCHER, die gelb werden. BÜCHER, die Fettflecken sammeln. BÜCHER, die bleiben. Ich träumte von einem Buch mit Flecken, von einem Buch so alt, dass seine Blätter nicht mehr ordentlich kleben und man beim Lesen aufpassen müsste, damit die Geschichte sich nicht in der materiellen Unordnung verliert. Unordnung. Man denkt: Geschichten haben die Form von Worten. Kurze Worten. Lange Worten. Metaphern und Analogien. Sätze. Einfache Sätze. Erhobene Sätze. Monologe. Dialoge. Alles aufgeschrieben. Alles aufbewahrt. Man sagt: Bücher sind Geschichten. Und Geschichten sind Bücher. Genauso.
Dienstag, Dezember 20
Sündenbock
Um hiermit die Abwesenheit in meinem Blog zu rechtfertigen...
Samstag, Dezember 17
So war's bei der Erfurter Spätlese 2011 in der Mehlhose
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| Bilder vom Verein Junge Medien Thüringen |
Am 16. Dezember meldete die Stadt eine Sturmwarnung und die Franz Mehlhose kündigte die Erfurter Spätlese an. Diese Veranstaltung, die Junge Autoren aus Erfurt und Thüringen unterstützt, würde vom Verein Junge Medien Thüringen organisiert und bat neue Literaten der Stadt eine Bühne für ihre Texte. Für mich war dieses Jahr noch ein Stück besonderen als letztes Jahr, weil auch ich lesen dürfte. Zusammen mit Norman Sinn, Anne Büttner, Julia Kulewatz, Khesrau Behroz, Jan Lindner, Maxim Levinstein dürfte ich meine Text präsentieren. Die Veranstaltung wurde von Ryo moderiert, der nicht nur für die literarische Spannung der Texte und Autoren sorgte, sondern auch mit einem Applausautomat für eventuelle Ablenkungen.
Die nüchterne Stimmung lud zu einer gemütlichen Nacht ein, in der Buchstaben und literarisch-kreative Kombinationen von Bedeutung, Symbolik und Töne auf die Bühne das Publikum verzaubern könnte. Von Gedichten, die sich ganz tief in die Truhe der Erinnerungen versteckt haben, und Kurzgeschichten, die Teil eines neugeborenen kleinen Buches, bis zu einem Sonettkranz, der 14 Sonette in einer symbiotischen Beziehungen verbindet.
Leider dürfte ich nicht bis zum Ende der Veranstaltung bleiben.... aber ich habe gehört, dass es eine wundervolle Nacht war!
Montag, Dezember 12
Weihnachtslesung mit Ryo... im Café Hilgenfeld
Und auf einmal war es Weihnachten im Café Hilgenfeld gestern Abend in Erfurt. Selbst wenn der Schnee dieses Weihnachten geschwänzt hat und die mild-herbstliche Temperaturen Bäumen und Menschen verwirren. Es riecht nach Glühwein und Süssigkeiten auf dem Domplatz und das weihnachtliche Gefühl versucht sich irgendwie doch durchzudrängeln. Das Endjahres Kaffeesatz Lesen vom Café Hilgenfeld hat Ryo zum dritten Advent eingeladen.Und diejenigen, die sich ermuntert haben eine Karte zu kaufen, nehmen sogar in einem wundervollen solidärischen Tat teil. Ja, es werden Weihnachtsgeschichten gelesen.Ryo dürfte ich schon mehrmals hören und geniessen: im Freien oder in einer innovativen elektronischen Tanz-Lesung, die grosse Aufregung laut Neugier in mir damals erweckt. Also, Weihnachten. Die Stimmung war bereit im gemütlichen Hilgenfeld: teelichter waren an, ein kostbares Kaffeegeruch füllt den Raum aus, eine Leselampe und klar, die Bücher.
Von Martin Suters Auseinandersetzung bezüglich ein Weihnachtsbaum mitten im kapitalistischen Konzern rüber zu Bölls skubis zu den Leiden eines träumerischen Tannenbaums von Hans Christian Andersen, wurden es Geschichten für jeden Geschmack erzählt: der schon erwähnte unangekündigte Weihnachtsbaum im kapitalistischen Raum; jede Menge Spekulatius und Marzipan und dazu noch sauer Gurken; Krimis im weihnachtlichen Haushalt; und Tannenbäume und der Weihnachtsmann wie in jedem klassischen Weihnachtsmärchen.
Es war auf keinen Zweifel eine sehr schöne Nacht.... Frieden!
Samstag, November 26
XV. Tomas Tranströmer, Die Erinnerungen sehen mich

Mein Leben. Wenn ich diese Worte denke, sehe ich einen Lichtstreifen vor mir. Bei näherer Betrachtung hat der Lichtstreifen die Form eines Kometen, mit Kopf und Schweif. Das lichtstärkste Ende, der Kopf, sind die Kindheit und das Heranwachsen. Der Kern, sein dichtester Teil, ist die frühe Kindheit, wo die wichtigsten Züge in unserem Leben festgelegt werden. Ich versuche, mich zu erinnern, versuche dahin vorzudringen. Aber es ist schwer, sich in diesen verdichteten Bezirken zu bewegen, es ist gefährlich, ein Gefühl, als käme ich dem Tode nahe. Weiter hinten verdünnt sich der Komet - das ist der längere Teil, der Schweif. Er wird immer spärlicher, aber auch breiter. Ich bin jetzt weit im Kometenschweif drinnen [...] (S. 9)
Die Erinnerungen sehen mich von Tomas Tranströmer ist ein sehr schmales Buch, knappe 80 Seiten, die in weniger als eine Stunde genussvoll gelesen werden. Der eigentlich von seiner Lyrik bekannte Tomas Tranströmer, mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, entschied, im Alter von sechzig Jahren die Erinnerungen an seiner zerstückelten Kindheit aufzuschreiben. Sein in 8 Kapitel geteilten Prosastück ist eine unprätensiose chronologische Biographie des Autors, ein Versuch seine Kindheit erneut zu gestalten.
Sohn einer alleinerziehenden und berufstätigen Mutter, der Ich-Erzähler entdeckt seine Stadt, Stockholm, und die Welt an der Hand seines Grossvaters: die Museen, die Bibliotheken, der Krieg, die Schule, das Heranwachsen. Alles ist sehenswert, alles ist bewundernswert und die Welt ist eine Bühne, auf der die Menschen sich bewegen. Ja, sie versuchen stets das Beste daraus zu machen. Der schüchterne Junge, der uns seine Geschichte erzählt, fühlt sich schnell als Aussenseiter. Seine Welt dreht sich in eine andere Richtung als die von allen anderen und seine Interessen weichen stark von den Interessen anderer Kinder ab. Wir wandern mit dem Ich-Erzähler durch Strassen, Museumshallen und Buchblätter. Tranströmer verarbeitet nicht seine Kindheit... er bestaunt seine Erinnerungen, ohne dass er sie analytisch bewertet. Sein verzaubernden Ton lehnt jedes Abstandsversuch des Erwachsenseins ab und nagelt jeden Bruchteil seiner Kindheit in einem atmosphärischen literarischen Verfahren an einander.
Der letzte Kapitel "Latein" bringt der Leser zurück zum Kometenschweif. Der introvertierte Junge lernt die Form des Gedichts kennen und genau hier darf die Prosa zu Ende kommen.
Donnerstag, November 10
XIV. Willa Cather, Die Frau, die sich verlor

Die Geschichte von der Frau, die sich verlor ähnelt ein typisch amerikanisches Melodram der 50er Jahre. Die glamouröse Bilder, die zwar nur in der Oberfläche sich aufrechterhalten können, werden sorgfältig beschrieben, als ob Willa Cather Hinweise für einen noch nicht gedrehten Film geben wollte. Marian Forrester ist eine junge, lebenslustige Frau, die einen Mann geheiratet hat, der fünfundzwanzig Jahre älter als sie ist. In verschiedene Momente der Erzählung sehe ich fast durch Marian Forrester ein Bild von Zelda Fitzgerald: dreist, stark und kreativ. Mrs. Forrester ist kein gewöhnliches Bildnis der Frauen ihrer Zeit. Vielleicht trank ein bisschen viel zu viel Sherry, vielleicht lachte sie doch ein bisschen zu viel oder war viel zu wohlwollend zu den jungen einfachen Männer Sweet Waters, aber jedoch stets zu sich selbst treu.
Es ist letztendlich eine Frage der kritischen Perspektive, ob Mrs. Forrester sich verlor oder sich vielmehr wiedergefunden hat. Während Niel, der schon seit seiner Kindlheit Mrs. Forrester heimlich liebte, mit dem Bild ihres sozialen Untergangs kämpfte, versuchte Mrs. Forrester sich von den Hindernissen ihrer verstorbenen Ära zu lösen und sich an das neue moderne Leben zu halten. Mrs. Forrester ist sicher einen ganz unkonventionellen Überlebende. Ja, Marian Forrester hat sich verloren, nicht nur aus der Sicht von Niel. sondern auch im Bezug auf die Werte ihrer noch sehr traditionellen Zeit. Aber, ist es nicht so, dass man erstmal was verlieren muss, um was neues zu finden?
Die Kritik war hart zu diesem Roman von Willa Cather. Neben den Vorwürfen eines exzessiven melodramatischen Tons, sind die Thematisierung von Ehebruch und ihre leichtsinnige Anspielungen an einem rein kapitalistischen Materialismus Objekt zwiespaltiger Blicke. Nichtsdestotrotz ist Willa Cather einer der markantesten Schriftstellerinnen ihrer Zeit.
Die Kritik
Sonntag, Oktober 23
XIII.a. McCullers, The ballad of the sad café

“But the hearts of small children are delicate organs. A cruel beginning in this world can twist them into curious shapes. The heart of a hurt child can shrink so that forever afterward it is hard and pitted as the seed of a peach. Or again, the heart of such a child may fester and swell until it is a misery to carry within the body, easily chafed and hurt by the most ordinary things.”
Es ist mir immer eine große Ehe die Romane von Carson McCullers zu lesen. Ihr Schreiben ist simpel, ihr Blick scharfsinnig und einfühlsam, ihre Geschichten zartliche und einsame Stücke von Fiktion gewürzt mit einer diskreten Prise biographischer Anspielungen. In den Worten von Carson McCullers: "everything significant that has happened in my fiction has also happened to me."
The ballad of the sad café erzählt uns die Geschichte von Miss Amelia, Cousin Lymon, der Bucklige, Marvin Macy und die Einwohner einer kleinen vergessen Stadt Amerikas. Miss Amelia, eine selbstständige Frau, deren Eigenschaften interessanter Stoff der gender studies geworden ist, ist der Kern eines Liebesdreieck, dessen Glück das Schicksal des Cafés bestimmen wird. Das Café, dessen Name nie bekannt gegeben wird, ist trotz sein Protagonismus im Titel nur den Raum für eine viel tiefgründigere Erzählung. Vielmehr als über die Merkwürdigkeiten einer Beziehung zwischen der bisher kaltherzigen Miss Amelia und den fremden Bucklige mit unbekanntem Herkunft, verwickelt sich der Erzähler in einem Spiel zwischen dem Liebenden und seinem Geliebten. Diese Rollen innerhalb des Spieles der unerwiderten Liebe sind abstrakt und, ohne es zu merken, wandeln die Hauptfiguren von einer Instanz in der nächsten auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt.
Interessant ist es auch in diesem Roman die eher sekundäre aber jedoch prägnante Rolle der Einwohner der Stadt und Besucher des Cafés: sie sind die Verkörperung im Rahmen der Erzählung der Person, die gerade sich gemütlich gemacht hat, um diese Seiten zu lesen. Indem die Perspektive der Einwohner geschildert ist, wird der Leser in der paradoxen Handlung einer verlorenen Liebe hinein gewickelt.
The ballad of the sad café ist einer der bekanntesten Romane von Carson McCullers, deren Liebe zur menschlichen Einsamkeit und grotesken Aussenseiter ihr gesamten Werk beeinflusst hat. Nach der Autorin sind genau diese Gestalten, die jeden von uns irgendwann im Leben kennen gelernt hat, die das wohlbekannte Paradox des Lebens blühen lassen.
XIII. Carson Mccullers... Her heart was a lonely hunter (1917-1967)

Es gibt wenige Schriftsteller, die so eine Intimität mit den Worten teilen, wie Carson McCullers. McCullers schreibt als ob sie bloss das Medium der Worten wäre. Ihr brüchiges und naïves Wesen versteckt die Stärke einer literarischen Reife, die sich von der zeitgenössischen Welt von Carson McCullers entfernt. McCullers hatte ein volles Leben, überfüllt mit Leidenschaften, Schmerz und Lust: ihre stürmische Ehe mit einem Ex-Soldat, Reeve McCullers, ihre Schwierigkeiten ihrer Alkoholsucht zu überwinden und ihr brüchiges Gesundheitszustand beeinflussten schon vom Anfang an ihre Werke. Geboren im Jahr 1917 wollte Lula Carson Smith Pianistin werden und aus diesem Grund verließ sie das Haus ihren Eltern mit 17 Jahren alt, um in Savannah Piano zu studieren. Das Leben war nicht einfach für Lula Carson Smith: Sie verlor das Geld für ihren Studium und ging nie an die Piano Schule. Ihre erste Schritte richtung das Schreiben machte sie an die Columbia University. Ihr erster Werk Wunderkind wurde 1963 veröffentlicht.
Ihre Ehe seit 1937 mit Reeves McCullers war für Carson McCullers eine stetige emotionale Kampf. Es waren stürmische Zeiten für die junge Schriftstellerin: alkoholischer Eifersuchtswahn und Neid zerstörten die leidenschaftliche Beziehung des literarischen Paares. Jedoch nach einer Scheidung im Jahr 1941 heirateten sie erneut 4 Jahre später. Ihr erstes literarisches Erfolg war The heart is a lonely hunter (1940), indem die Skizze von dem sein sollten, was heutzutage der Stil von Carson McCullers bezeichnet. Sie war die literarische Stimme der Aussenseiter ihrer Zeit: die Schwarzen, die Schwachen, die Kinder, die Armen und die Kranken. Die stark sozial und wirtschaftlich hierarchisierte Gesellschaft einer Amerika, die sich noch nicht ganz definiert hatte, diente als Plattform ihrer Romane und Erzählungen, die die Leidenschaften und Konfrontationen ihrer Figuren in wunderschönen expressionistischen Bilder darstellt.
Immer beeinträchtigt von einem zerbrechlichen Gesundheitszustand blühte jedoch ihre Karriere. Noch in den 40er Jahren veröffentlichte Carson McCullers zwei ihrer meist bekannten Geschichten The ballad of the sad café (1943) und The member of the wedding (1946).
Carson McCullers starb an einem Gehirnschlag im September 1967 nach einem langen Kampf gegen ihrer Krankheit. Sie hinterließ eine zahlreiche literarische Erbschaft, die bis heute noch viele Leser begeistert.
Mittwoch, Oktober 12
XII. Tino Hanekamp, So was von da

"Alle denken immer nur an sich, nur ich nicht. Ich denke an sie.
Heute ist die letzte Nacht. Heute noch und dann ist Schluss.
Wie halten die Leute eigentlich ihr Leben aus?
Das wird dich Demut lehren, Fatzke.
Mathilda hat mir die Liebe versaut.
Die ganze Kunst ist futsch.
Krieg ist schlimmer.
Plötzlich: Stille.
Und all das geschieht immer und immer wieder, bis in alle Ewigkeit.
Ich befürchte, ich bin wach. "
Dieses Roman von Tino Hanekamp war mal wieder Opfer meiner literarischen Skepsis: das erste Roman von einem Hamburger Club Besitzer war keinen leichten (und auch keinen richtigen) ersten Eindruck von diesem Roman. Unsere erste Begegnung war an einem Donnerstag, den genauen Tag weiss ich leider nicht mehr. Oder war es vielleicht einen Mittwoch? ach, egal! Ryo las an diesem Tag...Abend im Café Hilgenfeld in Erfurt im Rahmen einer elektronischen Tanzlesung, die erstmal eine alergische Reaktion verursachte und sich dann später als wunderbares Amusement herauszustellen. Ich ließ mich anstecken, von den Worten und dem Rhythmus. Das Buch von Hanekamp wollte ich auf jeden Fall lesen!
Ich bewundere gerade diese Menschen, die es auf die beste Art schaffen, weniger als 24 Stunden in über 300 Seiten zu packen. Es ist eine Frage der Ausdehnung, nicht der Verdichtung. Immer am Laufen, immer am Denken, immer am Sein. Selbst wenn Oscar es gerne anders hätte: Sein muss schon irgendwie sein. Sowas von da ist die Geschichte von diesem Tag, nicht irgendeinem, sondern einem ganz besonderen. Es ist Silvester: ein Tag des Wandels, in dem alles passiert und alles gezwundenermaßen nur gut ausgehen darf. Nicht die Russen. Nicht die Schulden. Nicht der Krebs. Nicht Mathilda. Mathilda.
Hanekamp faszinierte mich mit seiner sprachlichen Durchsichtigkeit: weder literarisch aufgesetzt, noch künstlich billig... Hanekamp schreibt als ob man ein mikroskopisches Gerät hätte mit der Fähigkeit Worten aufschreiben. Roh. Es ist ein Vergnügen jeder Seite zu entdecken...mit jeder Macke, jedem Angst, jedem Rausch sind wir, als Leser einen Stückchen mehr drin.
Am Ende sind wir sowas von drin. Und es ist eigentlich ganz schön hier.
Sonntag, Oktober 2
XI. Haruki Murakami, Sputnik Sweetheart

Und wo ist der Unterschied zwischen Zeichen und Symbol?
"So ist das Leben. Wie schwer und tödlich unser Verlust auch sein mag, wie wichtig auch immer das, dessen wir beraubt wurde: Wir leben einfach weiter. Selbst wenn nur noch die äßerste Schicht unserer Haut die gleiche geblieben ist und wir zu völlig anderen Menschen geworden sind, strecken wir die Hände nach der uns zugemessenen Zeit aus, holen sie ein und bringen sie schließlich hinter uns." (S. 219)
Mein erstes Murakami. Ich hatte immer - gebe ich ehrlich zu - eine tiefverzierte Widerwille im Bezug auf seine Romane. Auf einmal begegnete ich ihn überall: Buchhandlung, literarische Kritiken an Zeitschriften, blogs und und und. Seine Bücher waren in jeder Hand und seine Titel dürfte ich an jeden Blatt lesen. Alle waren begeistert von Murakami, nur ich nicht.
Es kam mir so vor als ob Murakami von einem Tag zu dem anderen zahlreiche Romane veröffentlich hätte. Einfach so. Das war mir doch in gewisse Weise unheimlich. Jedoch wollte ich nicht verurteilen ohne dass ich dem Autor zumindest eine Chance gegeben hätte. Aus diesem Grund las ich Sputnik Sweetheart.
Sputnik Sweetheart liest sich gut. Die Geschichte entwickelt sich langsam, jeden Faden hakt an einander: die Figuren bauen sich nach und nach auf, die Beziehungen werden nur in kleinen Schritte abgezeichnet und die Handlung enthüllt sich in einer geheimnisvollen Art. Am Ende wird doch alles ein bisschen besser als es erstmal scheint. Die Geschichte von Sumire und ihren Traum Schriftstellerin zu werden wird dem Leser von ihrem einzigen Freund erzählt, dessen Name (wie sich dem guten Erzähler gehört!) nicht einmal erwähnt wird. Sumire träumt, sie verliebt sich und dann stirbt, mehr oder weniger symbolisch. Die Hauptfigur von Sputnik Sweetheart ist eine Rüstung voller Klischees... Sie begibt sich den Weg der Liebe (die noch dazu homosexuell ist) und auf diesem Weg verwandelt sie sich von einer Schriftsteller Anwärterin, die keine soziale Verhältnisse verträgt, in einer hohlen modernen Frau, deren Interessen sich zwischen der Körperkultur und high society beschränkt. Sumire schwankt zwischen zwei imaginären aber irgendwie auch gemütlichen sozialen Extremen einer Gesellschaft von Stereotypen.
Murakamis Symbolik, die vielleicht aus kulturellen Gründen, mir verborgen geblieben ist, kommt mir im Allgemein schon ein bisschen klischeehaft vor: die melodramatische existentielle Fragen einer doch ziemlich snob Träumerin, die himmlische Strände und Ruhe eines verlorenen grieschischen Insels, das Verschwinden auf der Suche nach dem Selbst, der doch gefunden wird, aber nicht wirklich besser geworden ist...
Ja. Ich habe Murakami eine Chance gegeben. Und diese war vermutlich die letzte.
Freitag, September 23
X. Gabriel García Márquez, Crónica de una muerte anunciada

Dieses Mal wurde auf Spanisch gelesen. Und welchen Schriftsteller spanischer Sprache schafft es, sich mit der gleichen Einfachheit des Diskurs wie der Autor dieses kurzen Romans auszudrücken? Im Jahr 1981 wurde der Roman Crónicas de una muerte anunciada von dem berühmten kolumbianischen Schriftsteller, Gabriel García Márquez, geschrieben. Eine in sich ziemlich kurze Geschichte, die jedoch lang nach der Lektüre in dem Kopf des aufmerksamen Lesers widerhallt. Dieser berichtartige Roman erzählt uns im Großen und Ganzen über den angekündingten Mord von Santiago Nasar. An dem Morgen seines Todes wusste Santiago nicht, dass er ums Leben kommen sollte. Er war aber allein in seiner Unwissenheit.
Die Erzählkunst von Gabriel García Márquez ist für die Leser, die ihn schon kennen, trotz bekannt immer wieder eine wunderschöne Uberraschung. Der kolumbianische Schriftsteller schafft jede seine Erzählung nicht nur einen besonderen Raum, sondern auch eine achronologische Zeit, deren Dichte seine erzählerische Welt von der Realen trennt. Seine Geschichten sind weder Fiktion noch Realität: sie sind ein stetiges Durcheinanderwerfen von Elementen von der einen oder anderen in einem ganz speziellen Ausdruck der literarischen Kunst. Man könnte Márquez vielmehr als Magier der Buchstaben bezeichnen.
Crónicas de una muerte anunciada ist nicht nur ein Bericht über Santiago Nasars Tod, der schon an den ersten Zeilen des Romans angesprochen wird, sondern auch eine Auseinandersetzung mit den Menschen und ihre Art, sich um anderen zu kümmern. Der Erzähler dieses Romans legt eine Unmenge an Perspektiven, Meinungen und Gedanken über diesen einzigen markanten Moment, der ihren Leben für immer beeinflusst und das Leben von Santiago Nasar beendet hat. Je mehr der Leser sich in der Erzählung vertieft, desto verwirrter werden die Bünde zwischen den Figuren, die die Geschichte des Tages vom Tod von Santiago Nasar erzählen. Es kommt einem so vor, als wären fast alle Einwohner dieses unbekannten Ortes, der die Ehre hatte einen Besuch des Bischofes zu empfangen, Teil einer großen Familie. Nur einige sind Aussenseiter. Nur wenige müssen dieser heiligen Welt verlassen. Gabriel García Márquez schafft durch die Wiederherstellung der Ordnung kein angenehmes Gefühl: Der Tod von Santiago Nasar, der die Ordnung wiederbringen sollte, lässt den Leser mit einem geschmackslosen Verfremdungsgefühl, womit er selber klar kommen muss.
Viel stärker als die Brutalität der Waffen, die das Leben von Santiago Nasar willentlich genommen haben, ist die Brutalität einer autoritären Tradition.
Mittwoch, September 21
F.R.E.I.stil im Hörfunkgerät

Zur Einleitung: Gestern gab's Radio zu sehen! Das Radio F.R.E.I. in Erfurt ist schon bekannt für seine kulturelle und soziale Veranstaltungen, die sich in der einen oder anderen Art sich mit der Stadt Erfurt oder mit dem Land Thüringen verbinden: es wird aus Thüringen geschrieben, über Erfurt geslamt, in Weimar Musik gemacht. Es ist wunderbar so eine Plattform wie das Radio F.R.E.I. zu haben, wo man (und Frau!) die Chance hat, sich die lokale Kultur und Kunst zu nähern.
Gestern Abend war einen besonderen Abend im F.R.E.I.en Radio. Im Gegensatz zu dem was man vom Radio gewöhnt ist, öffnete diesmal unser erfurter Radio seine Türen für allen Begeisterten, Neugierigen und Verzweifelten in einer dreistündigen Live-Sendung dem Textil Festival gewidmet. Die Moderatoren Ulrike und Roman sorgten für ein lässiges aber stets spannendes Ambiente. Die Veranstalter vom Festival, Thomas Putz und Alexander Platz, wurden auch zum Objekt ein nettes Gespräch gewandelt in dem sie das Textil Festival erneut vor stellten, das neue Liebhaber der Schreib- und Ausdruckskunst eine Plattform schaffen soll, ihre Kreativität und Projekte ins Licht zu bringen. das Konzept dahinter ist simpel: alle sind eingeladen an die verschiedenen Workshops teilzunehmen, um dort ihre Ideen und Projekte im Gang zu setzen.
Immer in Abwechselung mit der unterhaltsamen Musik von DJ Le Fix wurden einige Resultate der Workshops präsentiert, die im Juni 2011 an der Salinenschule stattgefunden haben, und deren freiwilligen Autoren(innen) dürften auch für ein kurzes Gespräch mit den Moderatoren auf die Couch, um schliesslich ihre Projekte zu präsentieren. Als Teilnehmerin des Workshops Short Story dürfte ich, zusammen mit zwei anderen Short-Story Freundinnen, als erstes auf die Couch. Das Gespräch drehte sich um das Workshop und unseren Reiz Geschichten zu schreiben. Dann würde vorgelesen: eine Geschichte, ein Lied, eine Geschichte. Der Raum füllte sich langsam in einer gemütlichen Runde von Menschen, die leise an ihrem Getränk nippten und zugehört haben. Als Almut Nitsch über ihr Slam-Hörspiel reden dürfte sammelten sich die Menschen vor der Couch auf den Stuhlen oder stehend und horchten begeistert nach dem Hörspiel So weit draußen war ich nicht (das am Sonntag im Radio F.R.E.I. seine Weltpremiere hat!) und nach dem lustigen Interview mit dem Affee der Geschichte, der uns mit seiner Anwesenheit beschenkte.
Alles in Allem war eine wunderschöne Zeit in der F.R.E.I.en Fläche des Radios und hoffentlich freuen wir uns alle auf einen baldigen Wiedersehen... diesmal beim Textil Festival Finale am 14. - 15. Oktober!
Bis bald!
Samstag, September 17
IX. Jorge Amado, O Gato Malhado e a Andorinha Sinhá: uma história de amor

"Onde já se viu uma andorinha, linda andorinha, louca andorinha, ás voltas com um gato? Tem uma lei, uma velha lei, pombo com pomba, pato com pata, pássaro com passáro (...) e gato com gata. Onde já se viu uma andorinha noivando com um gato? (...) É o fim do mundo, os tempos sao outros, perdeu-se o respeito a todas as leis." (S. 53)
Man braucht wenige Seiten um eine traurige Liebesgeschichte zu erzählen. Dafür musste jedoch den Morgen an diesem einen Tag mit großer Verspätung kommen damit alle Menschen aus allen Orten und in allen Zeiten auch diese kurze aber wunderschöne Geschichte von dem Kater und der Schwalbe, die sich an einem Frühling verliebten, kennen lernen dürften.
Diese Geschichte wird nicht von Jorge Amado erzählt, diese Geschichte hat die Zeit (o tempo - die Zeit ist, in meiner Sprache, der Weise: ein sympatischen alten Mann der ein kleines Kontrolproblem hat) von dem Morgen (a manhã - wiederum ist der Morgen bei uns ein süßes freches Mädchen, dessen Glück sie über die Bäume und Pflanzen verstreut.. wie kleine Regentropfen) erzählt bekommen...
Ja...so ist es! Genauso wie die Tiere im Park unserer Geschichte die Liebe zwischen dem gefleckten Kater und der lebensfreudigen Schwalbe kritisiert haben, auch die Sprachen bringen unsere Welt durcheinander: man lernt durch andere (sei es Sprachen, Menschen, vielleicht aucht Tiere...) die Welt durch andere Augen zu sehen. Selbst wenn man am Ende doch da bleibt wo man schon immer war: in der regungslosen Bequemlichkeit unserer Werte und Regel. Man hat sie jedoch gekannt: diese eine Welt, die uns so fremd ist jedoch so nah.
Und so war die utopische Liebesgeschichte zwischen dem gefleckten Kater und der kleinen Schwalbe. Sie dauerte knapp nur vier Jahreszeiten aber sie uns alle geändert.
O mundo só vai prestar
para nele se viver
no dia em que a gente ver
um gato maltês casar
com uma alegre andorinha
saindo os dois a voar
o noivo e sua noivinha
Dom Gato e Dona Andorinha.
Freitag, September 2
VIII. Reborn, Susan Sontag

Reborn ist eine Zusammenfassung der Tagebücher einer ungewöhnliche Frau.: Susan Sontag. - eine Europäerin, die in Amerika gewonnen wurde. Was genau hinter dieser Aussage liegt, kann ich nicht wirklich in Worten erklären. Andererseits bin ich mir sicher, dass die meisten von euch genau weiss was ich damit meine. Vielleicht eine typische europäische Nostalgie?
Dieser erste Teil einer soon-to-be drei Bänder Kollektion, die von Sontag's Sohn David Rieff bearbeitet wird, präsentiert uns Sontag nicht als Wissenschaftlerin, Regisseurin oder Essaystin, sondern als eine Frau wie jede von uns, die sich hinter alle möglichen Masken versteckt. Bei Reborn spielen ihre meist berühmte Bücher kaum eine Rolle. Jedenfalls nicht unmittelbar. Susan Sontag setzte sich nicht die Welt aus... vielleicht aus Angst, Verzweiflung. Die Augen von Susan Sontag wandten sich nach Innen und vermutlich aus diesem Grund waren ihre Tagebücher ihre Art die eigene Welt eine Form zu schenken.
Die von D. Rieff freigegebene Ausschnitte Susan Sontag's Tagebücher sind nicht indiskret jedoch doch teilweise aufdringlich. Mein voyeuristisches-Ich dürfte sich in Fragen über Sontag's Sexualität oder meines Erachtens eher widerwillige mutterliche Rolle ausbreiten. Was mich ein bisschen "gestört" (in Anführungsstrichen geschrieben, weil ich kein besseres Adjektiv gefunden habe für das hin und her - Gefühl, welches die Lektüre dieses Buches in mir verursacht hat) hat, war die fast verschwundene Grenze zwischen die Realität einer bewundernswerte Frau und die Fiktionalität eines Textes, von dem sie die Hauptfigur war.
Montag, August 22
VII. Sensualistas, Cláudia Galhós (und die Nostalgie des Wiederlesens...)
“Este mundo dá muitas voltas e as pessoas parece que ficam tontas com as voltas que o mundo dá.” (S. 7)
Das stimmt. Die Welt dreht sich kontinuierlich und, obwohl wir es nicht spüren, scheinen wir jedoch davon beeinflusst zu sein. Dieses Buch von Cláudia Galhós ist ein Versuch ein ästhetisches und erotisches Gespür in Worten umzusetzen. Es ist ein Diskurs von niemand oder vielleicht doch von jedermann. “Sensualistas” ist ein Teil meiner Jugend und aus diesem Grund auch immer eine neue Erfahrung. Im Bezug auf Yates ging es darum, ob wir, Leser, die Bücher aussuchen oder im Gegenteil ob die Bücher uns in dieser in sich gedrehten Welt suchen. Und finden. “Sensualistas” hat mich im Sommer 2001 gefunden und hat mich in seiner Rhythmik, in seiner sprachlichen Form und freche Ästhetik gefangen. Die kurze aber prägnante Kapitel und die teilweise filmische Beschreibungen einer modernen Gesellschaft des neuen Jahrhunderts sorgten damals für meine unerwiderliche Aufmerksamkeit.
Die Geschichte – eigentlich sollte sie eher im Plural beschrieben werden - also, die Geschichten kreuzen sich wie Menschen am Bahnsteig. Und Filipe, Sara und Marisa bewegen sich, jederzeit alleine, im menschlichen Durcheinander. Sie könnten wir sein: wir und die unendliche Suche nach Liebe, nach Freiheit, nach Leben. Die Figuren von Cláudia Galhós befinden sich in einem Grenzraum der Emotionen, welchem das Blut in ihren Adern pumpt. Wir lernen sie langsam kennen: Sara, Marisa und Filipe. Sie haben Geschichten, Erinnerungen, Träume und Ängste, die vielleicht nur wir kennen. Aber die anderen nicht. Die Erzählerin (aus irgendeinem Grund bin ich schon immer davon ausgegangen, dass die Erzählerin eine Frau ist) verwickelt ihren Leser in einem erzählerischen und ästhetischen Labyrinth, dessen Ende nicht zu finden. Das Ende von “Sensualistas” ist keine Auflösung, keine Antwort auf irgendwelche Fragen, die an einer bestimmten Stelle aufgemacht wurden. Das Ende dieses Romans kommt ihren Leser überraschend entgegen. Die Form des Romans von Cláudia Galhós schliesst den Kreis nicht nur inhaltlich, sondern auch ästhetisch. Es endet wo es angefangen... wie die näturliche Drehung der Welt.
Die Nostalgie des Wiederlesens ist was besonderes. Ich habe immer dieses Buch von Cláudia Galhós in Erinnerung gehalten. Es war ein Symbol meiner Jugend und vielmehr eine Tür für meine ästhetische und intelektuelle Entwicklung. Damals kannte ich schon die sarkastisch depressive Musik von PJ Harvey und Nick Cave, die dunklere Seiten der Poesie von Al Berto und die wunderschöne und einfache Geschichten von Mia Couto aber ihre Präsenz in Cláudia Galhós Roman bestätigt meine Interessen. Dieser Roman schenkte meine Gedanken eine Stimme, die sie bisher nicht kannten. Heute: sind mehr als zehn Jahre vergangen und ich fliege von Zuhause nach Hause in einer Routine, die mir damals noch nicht bewusst war. Filipe, Sara, Marisa und ich sind anders geworden und ich finde die romantische Züge nicht mehr, die mir damals an ihnen so fasziniert haben. Der Stil von Galhós klingt plötzlich nicht viel kreativer als die neue und erfolgreiche light Literatur, die in Portugal so berühmt geworden ist, und die Handlung verliert in einer zwanghaften alternativen Bewegung im Sinn. Nichtsdestotrotz, finde ich bei "Sensualistas" andere Ecken, die mir vor zehn Jahre verborgen geblieben sind: ein altes Liebespaar, das vom Tod im Schlaf überrascht wurde; eine für das Leben verletzte Schwester, die in einem Zimmer vom Leben versteckt wird; ein Vater, dessen jahrelanges Schweigen durch einen nomadischen Lebenslust beendet wurde. Die Nostalgie des Wiederlesens ist immer eine neue Erfahrung... ich weiß, es klingt gerade wie ein eigenartiges Paradox, aber ist es nicht so, dass wir uns immer ein Stück weiter besser kennen, wenn wir (fast!) vergessene Räume unserer Vergangenheit wiederfinden?
Dienstag, August 9
Wer sich dahinter versteckt...
Texte, Romane, Kurzgeschichten,Gedichte, Drehbücher, Theaterstücke... die Texte gewinnen als Ganzes eine eigene Identität, die weit über die Linien des Körpers von einem Mensch geht. Der Mensch geht. Die Buchstaben bleiben.
Nichtsdestotrotz frage ich mich immer wieder, wer sich hinter der Buchstaben versteckt. Barthes hat dieser Figur umgebracht und ihre Originalität in Frage gestellt. Nach Barthes sind alle künstlerische Schritte eines Schriftstellers einfache Nachahmungen eines viel älteren Spurs. Schriftsteller verlieren an Bedeutung und werde meines Erachtens einfach als ein Mittel zum Zweck verstanden. Dieses poststrukturalistische Verschwinden des Subjekt eines Werkes verringert jedoch nicht mein Neugier auf den Gestalt, der hinter jedem Text steht. Ganz im Gegenteil! Ein Roman ist zwar keine Biographie aber ist es wirklich wahr, dass es komplett unabhängig von seinem Schöpfer ist? Ist es wirklich möglich, dass es keinerlei Bezugspunkte zwischen dem Schriftsteller und seinem Text existieren? Meine Schwierigkeit mit diesem literaturtheoretischen Ansatz ist die endgültige Abgrenzung zwei Instanz, die nur im Verhältnis zu einander existieren.
Diese neue Rubrik meines Blogs soll sich biographisch mit einigen meinen Lieblingsautoren beschäftigen: wer sie sind, was sie gemacht haben, wie sie gelebt haben... Die kurzfassende Biographien, die ich hier zukünftig präsentieren will, sind das Produkt eines Collages verschiedener Bücher, Antologien, Interviews, die ich über die verschiedene Autoren gelesen habe.
Montag, August 1
Elektronische Tanz-Lesung mit Ryo im Café Hilgenfeld, Erfurt

Das Wetter war definitiv auf unsere Seite: um 21h abend, schon eindeutig zu spät für den angemeldeten Termin, saßen noch alle neugierige Zuschauer gemütlich an den Holztischen vom Café Hilgendfeld mit Blick auf den Erfurter Dom. Die Sonne kämpfte noch eine Weile mit der Nacht, um uns noch ein bißchen seines Lichtes zu schenken. Die war kaum da die letzte Monate. Die Musik, die die unterschiedliche Gespräche und Diskussionen begleitete, lief melodisch im Hintergrund aber gleichzeitig auch auffordernd, als ob sie uns im Takt noch erinnern möchte, dass noch etwas kommen soll....
... plötzlich hörte die Musik auf.
Die Leute bewegten sich langsam hinein und suchten sie ein gemütlichen Platz. Wie sicherlich schon bekannt, ist das Café Hilgenfeld in Erfurt angenehm klein: klein und lauschig; klein und kaffeewohlriechend; eine richtige Atmosphäre für ein literarisches Beisamensein. Wir saßen alle: auf der Bank oder auf der Heizung, auf den Stühlen oder auf dem Boden. Einige standen an die Türrahmen. Ich war sehr gespannt, schon allein der Name der Veranstaltung öffnete zahlreiche Fragen, die nach eine rapide Antwort verlangt haben. Es war mein erstes Mal bei einer Lesung von Ryo. Ich hatte schon einiges über ihn gehört und wollte es dieses Mal nicht verpassen. Die Musik lief nun leiser als vorher, als ob sie für die zunehmende Ruhe des Publikums sorgen sollte. Sie stoppte. Die kleine Nachttischlampe ging an und Ryo laß. Die Harmonie zwischen Wort und Ton spiegelten die Lässigkeit der erzählten Atmosphäre wieder. Zum einen schenkte Ryos Stimme seiner Erzählung einen ganz besonderen sinnlichen Körper, indem sie genauso verschlafen, genauso aufgedreht, genauso bezweifelnd und genauso verliebt wie die Worten klang. Die Worten bedeuteten was seine Stimme spiegelte. Zum anderen tanzte die Musik mit der Stimme und den Worten in einer erweckenden Symbiose, welche das Publikum nur anstecken könnte. Alles passte zusammen: Ryos Stimme, sein Auftreten und gespürte Schüchternheit beim tanzen, die vorgelesene Geschichte, die Musik und die Momente der Erzählung. Und so ist die Zeit vergangen. Oscar kämpfte gegen seiner Gleichgültigkeit, gegen seinen Erinnerungen, gegen seinem Rausch und gegen seinen Gefühlen auf der Suche nach den utopischen Neuanfang, der sich kontinuierlich immer weiter von ihm entfernt. Die Geschichte von Oscar hat mich jedoch am Ende kurz enttäuscht. Auf einmal löste sich alles auf, als ob einen starken Wind plötzlich die Buchstaben Ryos Skript geweht hätte. Das Licht ging an, die Musik war aus und Ryo fasste in zwei viel zu unbefriedigende Sätze was mit unserem „Held“ passierte. Warum so plötzlich?
Erst nach der Vorstellung des hervorragenden DJ Nas’D und dem heißen Applaus dürften wir – die die noch sitzen geblieben sind - noch erfahren, dass den trotz erzählrerischer Enttäuschung in sich schlüssigen Text, den uns Ryo vorgelesen und -getanzt hat, seine persönliche Zusammenfassung des Romans „Sowas von da“ von Tino Hanekamp ist. Blitzartig hat sich die Enttäuschung in Überraschung gewandelt, die das „Leserwurm“ in mir erweckt hat.
Was danach passiert ist, kann ich leider nicht mehr berichten... aber ich glaube fest daran, dass es eine weiter angenehme musikalische und literarische Nacht war. In meinem Fall erwarb ich am nächsten Tag der viel versprechende Roman von Hanekamp.
Nun nur Sorbas zu Ende lesen und schon darf ich auch mittanzen.
Dienstag, Juli 26
VI. Alexis Sorbas, Nikos Kazantzakis

Der Effekt? Eine bittere Enttäuschung.
Nach einige Recherche über diesen Roman, durch die verschiedene Rezensionen dazu, kann ich immer noch nicht verstehen, warum diesen Roman so berühmt geworden ist. Ich bin diesen Roman zum ersten Mal über die Zeitschrift Das Magazin (Ausgabe von Juli/August 2011) begegnet. Die kleine Reportage, die dem Leser die Lust nach dem Roman über Sorbas erwecken sollte, ließ eigentlich nur Gutes hoffen: die lebensfreudige grieschische Philosophie und das Glück eines einfachen intelektuellen Lebens. Alexis Sorbas sollte sein Leser nicht nur unterhalten. sondern auch von den Mauern und Zwängen unserer Gesellschaft befreien. Ich hatte mich eigentlich auf diesen Roman sehr gefreut... das war mein Fehler.
Was ich in diesem Roman gefunden habe war eine unerträgliche Zusammenfassung aller schlimmsten Klischees, die zu der modernen und entwickelten NOT-to-do-Liste der Literatur gehören sollte. ist das wirklich Literatur? Das billige Pseudointellektualimus eines als Held aufgebrachten primitiven Mannes konnte nicht meine Sympathie entnehmen. Schon bei seinem ersten Auftritt in den netten Kneipen am Meer, wo der noch angenehme Ich-Erzähler sich Gedanken über das eigene Leben machte, brachte die Hauptfigur dieses Romans seine schlechteren Eigenschaften rüber: eine primitive Haltung gemischt mit einer übermächtigen Arroganz. Jedoch die Kirsche auf dem Kuchen brachten die unverschämte frauenfeindliche Kommentare an, die hinter einer irrtümlichen Maske der Lebensweisheiten immer mit Stolz hervorgehoben wurden. Frauen werden von diesem primitiven Pseudoheld als einfache Objekte seiner eigenen Begierde und Gemütlichkeit beschrieben: sie kochen, sie putzen, sie gebärden seine Kinder, sie befriedigen seine sexuelle Bedürfnisse. Und wenn sie alt werden und ihre Haut mit Falten des Lebens gedeckt wird, ihre sexuelle Geschicklichkeit nicht mehr so jung ist, ihre äußere Attraktivität einen Teil der Vergangenheit wird, dann werden sie auch rücksichtlos ersetzt. Soll dieser Sorbas, der Frauen ausnutzt, erniedrigt, deskriminiert und demütigt wirklich als ein Vorbild unserer (zum Glück!) entwickelter Gesellschaft sein?
Spätestens an diesem Punkt habe ich dieses Buch zugemacht mit der tiefen Absicht es nie wieder zu öffnen. Es war ein Fehler von mir. Ein Fehler, der mir noch ein Mal erlaubte, die Werte unserer gleichberechtigten Gesellschaft zu schätzen; ein Fehler, der mir bewies, dass die Menschheit auf dem guten Weg ist.... letztendlich so ein wie Sorbas ist heutzutage nicht mehr so einfach zu finden. Und das ist gut so!
Dienstag, Juli 19
V. Jerusalém, Gonçalo M. Tavares
Im Anschluss zu dem letzten Post veröffentliche mein erstes Post über ein Buch von einem portugiesischen Autor. Ich kannte Gonçalo M. Tavares von einer kleinen literarischen Begegnung mit seinem "Falschen Geschichten" aber "Jerusalem" ist einen Riesenschritt weg von seinen jedoch wunderschönen Kurzgeschichten.
"Jerusalem" ist eine dunkle Geschichte über die Abgründe des menschlischen Geistes. Genauso wie der menschliche Geist ist der Roman von Gonçalo M. Tavares auch achronologisch. Die Kapitel sind von einer künstlerischen Willkür geprägt, die das je-ne-sais-quoi dieser Geschichte noch stärker bestimmt. Die chronologische Referenzlosigkeit erlaubt den Leser sich komplett auf die Handlung zu konzentrieren und sich tief in den Geist der Figuren zu verstecken.
Wie die Zeit selbst sind auch die Orte meistens unbekannt und ihre Namen erwecken eine gewisse Verfremdung beim Lesen. Der Leser darf sich nicht in "Jerusalem" gemütlich fühlen.
Dann gibt es ein Krankenhaus, das Georg Rosenberg, in der die meines Erachtens schönste Momente der Handlung stattfinde. Hier lernen sich Mylia und Ernst kennen. Hier verlieben sie sich in einander. Hier erzeugen sie ihrem Kind, die nach dem Geburt von ihnen weggenommen wird. Kaas Busbeck ist schwerbehindert: seine Beine sind schwach und seine Zunge scheint nicht sein Verstand zu befolgen. Kaas wurde von dem ehemaligen Maan von Mylia, der berühmten Wissenschaftler Theodor Busbeck, adoptiert und erzogen. "Jerusalém" stellt die Werte um und die, die als Normal gelten sind imstande, die andere Menschen zu verletzen, zu erniedrigen und zu missbrauchen. Währenddessen scheint der Wahnsinn den einzigen Weg zur Menschenliebe zu sein. Der ausgezeichnete Roman von Gonçalo M. Tavares widerspricht die gemütliche Prognose wissenschaftlicher Studien, mathematischer Statistiken... "Jerusalem" ist eine Stadt von Kreuzwegen, in der politische und religiöse Unterschiede sich treffen, sich verwechseln und sich ineinandermischen. In einer kleineren Skala überträgt Gonçalo M. Tavares dieser Symbolik
auf die dunklere Wege des menschlichen Geistes.
Mit "Jerusalem" gewann Gonçalo M. Tavares den renommierten portugiesischen Preis Ler/Millenium BCP für Jungautoren.



